Abmahnung per E-Mail

Für jeden Mist kann man heutzutage Sachverständige hinzu ziehen.

Die Entscheidung, dass man bei E-Mails grundsätzlich davon ausgehen kann, dass diese beim Empfänger ankommen, und daher auch Abmahnungen rechtsgültig per E-Mail zustellbar sind, haben die verantwortlichen Richter aber offenbar selbständig fällen können:

http://www.gulli.com/news/lg-hamburg-abmahnung-per-e-mail-zul-ssig-2010-02-03

Ein weiteres Beispiel für den Dunning-Kruger-Effekt?

Ich hoffe aber mal, dass dieses Urteil keine Vorbildfunktion haben wird - wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit (und kompetenterer Anwälte ;-) ) das Bild der “per se zustellbaren” E-Mail zu zerstören.

Jeder, der heutzutage größere Mailserver-Umgebungen betreibt, ist eher überrascht, dass das System “E-Mail” überhaupt noch funktioniert - in Anbetracht der Unmengen von Spam, DoS-Attacken, nicht standardkonformen MTAs und MUAs, zeitweise überforderten Empfänger-Servern, vorübergehend unbemerkten Konfigurationsfehlern, falsch eingestellten Spamfiltern, Fehlalarmen bei Virenscannern, und so weiter…

9 Bemerkungen zu “Abmahnung per E-Mail”

  1. Stefan Koch

    Könnte sich schon in die Richtung weiterentwickeln, denn es gab zuvor schon einmal ein Urteil, dass man mit dem Empfang von eMails rechnen müsse. Damals ging es irgendwie um eMails von einem Immobilienmakler / -berater oder sowas in die Richtung, der dann dafür Geld sehen wollte.

  2. FaaB

    Die Begründung des Gerichts kann ich aber Nachvollziehen, denn dort geht es nicht um überlastete oder falsch Konfigurierte MTAs, sondern um eine “Firewall”, die die Email abgefangen haben soll - und dafür ist der Abgemahnte zuständig, bzw. dessen Systemadministrator. In Folge dessen kann man also davon ausgehen, dass ein Sender durchaus davon ausgehen kann, dass eine Email auch ankommt.

    Bei der Post können auch Briefe mal irgendwo zwischen rutschen oder nicht zugestellt werden, dennoch ist auch dieses System rechtsgültig.

    Ich sehe daher keinen Grund darin, Emails nicht als Rechtsgültig anzusehen.

    Ausserdem spart dies Papier, was wiederrum gut für die Umwelt ist ;)

  3. Klaus Keppler

    Naja, so einfach sehe ich das nicht.

    Das Gericht argumentiert, dass “auch eine E-Mail, die von einer Firewall abgefangen wird, als ‘zugegangen’ beurteilt werden muss”. Das ist auf den ersten Blick verständlich - sonst könnte man schließlich alle unliebsamen Mails (Rechnungen, Abmahnungen, …) pauschal von seiner Firewall wegfiltern lassen.

    Ich stimme aber definitiv nicht damit überein, dass E-Mail überhaupt als zuverlässiges Kommunikationsmedium betrachtet wird. Natürlich werden nahezu alle E-Mails erfolgreich zugestellt (wie auch nahezu alle Briefe), aber es ist eben nicht sichergestellt.
    Wozu gibt es denn Einschreiben und Postzustellungurkunden? Genau - um die erfolgreiche Zustellung zu dokumentieren.

    Mit DE-Mail soll es so etwas ja dann auch mal irgendwann digital geben (a propos… davon hört man im Moment ja auch ziemlich wenig…)

    Zurück zum Thema: sicher kann der Absender über seinen Provider herausfinden lassen, ob eine bestimmte E-Mail dem Mailserver des Empfängers erfolgreich übergeben werden konnte. Aber selbst danach können E-Mails noch unverschuldet verloren gehen (Datenverlust, Fehler bei Übertragung, u.v.m.). Wenn ein Brief im Briefkasten landet, geht dieser eher unwahrscheinlich auf dem Weg zur Haustüre noch verloren…

    Als Nächstes wird dann die Rechtsgültigkeit von ICQ-Nachrichten festgesetzt… oder gleich “Abmahnung per Twitter” ;-)

  4. FaaB

    Ich betreibe keinen großen MTA, nur einen kleinen, daher Frage ich mal so:

    Speichern große MTA’s nicht in einer Logdatei, wenn eine Email eingegangen ist inkl. Absender und Empfänger?

  5. Klaus Keppler

    Klar, zum Teil ist man sogar gesetzlich dazu verpflichtet.

    Der Absender-MTA protokolliert i.d.R. auch, ob eine Mail dem Ziel-MTA zugestellt wurde. Ein reines “BCC:” an einen Kollegen sagt überhaupt nichts aus (es kann ja sein, dass dessen Mail nur lokal innerhalb des MTA zugestellt wurde, eine Übermittlung an einen externen Empfänger aber fehlgeschlagen ist).

    Und es gibt genügend kranke MTA-Setups, bei denen alle Mails erstmal pauschal angenommen und erst anschließend anhand irgendwelcher Policies abgewiesen/verworfen werden. Jeder Sachverständige kann das bestätigen. ;-)

    Ich kenne auch “Real-Life”-Beispiele mit zentralen Catch-All-Accounts, die dann per POP3-Fetcher von einem (veralteten) Exchange-Server abgeholt, gefiltert, und anschließend an Groupwise weitergegeben werden. Das mag in Einzelfällen eine praktikable Lösung sein, ist aber leider extrem fehleranfällig. Und da ist es dann gar nicht mehr einfach, anhand irgendwelcher Logs nachzuweisen, wo genau eine Mail verloren gegangen ist.

  6. Sebastian

    Und ich dachte wir wären die einzigen die solche komischen Exchange Kundenkombinationen an der Backe haben ;-) Merkwürdigerweise werden Fehler dann immer beim Hoster gesucht. Und dann darf man nachweisen das der verborgene Exchange Server schuld ist/war.

  7. Klaus Keppler

    Ja, es klingt schon fast etwas herablassend wenn man solchen Kunden dann am Telefon sagen muss, dass der Fehler AUS ERFAHRUNG mit 99,9% Wahrscheinlichkeit bei ihnen liegt… :-|

  8. Philipp

    Ach ja, und Blogs die Javascript-basierte Spamfilter benutzen und bei dessen Deaktivierung nicht mal einen Hinweis unter der Kommentarbox einblenden … Fail ;-)

  9. Philipp

    So, nachdem wir jetzt das geklärt hätten :mrgreen: nochmal den Text den vorhin der Filter zu mittag aß:

    Herr Keppler liest Gulli! Da tun sich Aaaabgründe auf ;-) Ich kann dem nur zustimmen. Email ein zuverlässiges Medium? Da lachen ja die Hühner. Nun betreibe ich nur einen einzigen Mailserver mit hauptsächlich privaten Accounts, selbst hier liegt das Verhältnis von Spam zu “Nutzlast” bei bestimmt 15:1 und das ist sehr vorsichtig geschätzt.
    Bei den Maßnahmen die man heutzutage ergreifen muss um nicht im Sch*** zu ersticken wird es, wie der Jurist sagen würde, billigend in Kauf genommen dass auch mal eine unschuldige Mail abgewiesen wird. Natürlich versucht man das zu optimieren, aber zuverlässig ist es noch lange nicht.
    Bei der Schneckenpost gibt es immer noch die Funktion “Einschreiben”, was erfahrungsgemäß leider auch immer weniger funktioniert, da die Zusteller entweder immer blöder werden (sorry ich muss das so sagen, vieles was ich/wir erlebt haben deutet darauf hin) oder einfach total überlastet sind.

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